Silz
& Ploffi
Texte:
Hanna Rutishauser
|
Grafik:
Nicole Moser
|
Das
neue
Velo
Ploffi
streckt die Arme in die Luft
und seufzt.
Was
ist, knurrt Silz.
Ploffi
blinzelt in die Sonne. Es
ist Frühling, sagt sie, vor uns liegen noch zwei Wochen
Ferien, wir
sind unterwegs nach Süden, wir sind zusammen, das Leben ist
schön...
Und,
fragt Silz mit drohendem Unterton,
ist das alles?
Und...ich
habe ein...super...ein
neues Velo, stammelt Ploffi.
Eben,
sagt Silz, DU hast ein neues
Velo.
Irgendetwas
steht unmittelbar bevor.


Gotthard
Silz
und Ploffi machen eine Velotour.
Auf dem Gotthard bekommen sie Streit. Silz hat einen Platten am
Hinterrad
und stellt fest: Ploffi hat nur für ihr eigenes Velo Werkzeug
und
Ersatzteile eingepackt.
Silz
steht auf dem Wiesenbord und
flucht. Ihre Hände sind schwarz von der Kette. Die Dohlen
schreien.
Die Alpenluft zittert.
Ploffi
denkt: Ich bin nicht die
Hüterin meiner Schwester. Sie denkt: Unten im Tal ist Airolo
und weiter
die Ebene und Mailand. Sie sucht die Karten zusammen und packt auf.
wenn
Silz Glück hat, kommt
ein Mann geradelt und hilft ihr. Alle Männer sind
glücklich,
wenn sie Frauen in solchen Dingen helfen können.
Jetzt
sitzt Silz verkniffen auf
zarten Alpenblumen im Gras. In der Hand hält sie ein Schweizer
Militärmesser
mit aufgeklappter Klinge. Will sie Brot schneiden damit oder
Käse?
Ploffi
beugt sich über das
Hinterrad und zieht den Gummi ums Gepäck. Da stösst
Silz das
Messer sanft in Ploffis vorderen Pneu.


Melanesisch
Ploffi
kommt mit drei Plastiksäcken,
einer Papiertragtasche und einem roten Einkaufnetz nach Hause
zurück.
Mit dem Ellenbogen stösst sie die Tür hinter sich zu.
Polternd
fallen die Orangen aus dem Netz auf den Teppich. Das Milchpaket, das
aus
einem der angerissenen Plastiksäcke kippt, ist noch nicht
aufgeplatzt.
He,
ruft Silz aus dem Innern der
Wohnung, komm und hör dir das an.
So wart
doch, schreit Ploffi und
schaut eingehend die Schwielen auf ihren Handflächen an.
Silz
kommt aus dem Zimmer. Alte
Vorlesungsnotizen, sagt sie und schwenkt einen Wisch Papier. Dann liest
sie vor. "In der melanesischen Sprachfamilie gibt es Sprachen, die
für
jede Tätigkeit des Alltags ein ganz präzises Verb
besitzen. So
hat das deutsche Wort 'tragen' dort an die zwanzig
Entsprechungen,
wie:
in der Hand tragen
auf der Schulter tragen
auf dem Kopf tragen
an einem Stab über
die Schultern tragen..."
Ich
war, sagt Ploffi laut und steht
immer noch zwischen den verstreuten Esswaren, im Coop, bei Laresi, im
Grüene
Egge und im Migi.
"Auch
Verben wie 'ziehen' oder
'stossen' sind in grosser Zahl vorhanden", liest Silz.
Ploffi
stöhnt und schaut auf
ihre Schwielen.
Warum
kaufst du keinen Veloanhänger,
fragt Silz und liest in ihren Papieren.
Wieso,
knurrt Ploffi, haben sie
im Melanesischen auch dafür einen speziellen Ausdruck?
Lebensmittel
transportieren in
einem Veloanhänger, sagt Silz und schaut auf, Lebensmittel
transportieren
in einem Metallkorb, der seitlich am hinteren
Gepäckträger angebracht
ist, Lebensmittel transportieren in einer Saccoche -
Ploffi
ist ein paar Sekunden mit
dem Milchpaket in der Hand stehen geblieben. Dann wirft sie es mit
einem
kleinen Schwung über die Schwelle zur Küche, wo es
auf dem Steinboden
eine weisse Explosion verursacht.

Gretzenbach
Silz und Ploffi fahren
nach
Gretzenbach. Umsteigen, warten
auf zugigen Perrons, Schokolade vom Kiosk.
Eine
ältere Frau
kommt auf sie
zu. Können Sie
mir sagen, fragt sie. Wir sind nicht von hier, sagt Silz und beisst auf
die Nussschokolade. nein, nein, sagt die Frau, aber können Sie
mir
sagen, was heutige junge Frauen in ihrer Freizeit am liebsten tun. Ich
bin nämlich Soziologin.
Wie meinen sie
das? fragt
Ploffi
freundlich und blickt
dann verärgert auf Silz, die losgekichert hat.
Im Namen des
Bundesrates,
sagt die Frau
und kramt in
ihrer schmuddeligen Tasche, habe ich den Auftrag, für die
Jubiläumsfeier,
700 Jahre -
Silz hat sich
verschluckt,
Ploffi
lächelt nun doch.
Ach, seufzt die
Frau, nun
habe ich den
Ausweis vergessen,
aber sie antworten mir sicher auch so, nicht wahr?
Also wir, sagt
Ploffi wichtig,
können natürlich
nicht für DIE Frauen reden. Aber wir zum Beispiel, fahren nach
Gretzenbach
zu einer Velofabrik.
Wie? fragt die
Frau.
Aarios, ruft
Ploffi gegen den
vorüberdonnernden
Schnellzug, und dort schauen wir, wie sie Velos machen für
eine Schweizer
Frauenfirma. Ein Velogeschäft, das von Frauen betrieben wird.
Das glaube ich
Ihnen nicht,
sagt die Frau
dezidiert,
das gibt es nicht in der offiziellen Schweiz, ein Velogeschäft
von
Frauen.
Offiziell? fragt
Plofffi
höflich,
aber Silz wirft
das Schokoladepapier zwischen die Geleise und ruft, wenn Sie es nicht
glauben,
dann kommen Sie doch mit, und damit wendet sie sich zur
Unterführung.
Gerne, sagt die Frau und klappt endlich ihre Tasche zu, ich habe
nämlich
heute Nachmittag noch nichts vor.
Sie trippelt mit
ihnen die
Treppe hinunter
und hat es
wahrscheinlich nicht gesehen, wie Ploffi Silz in den Oberarm gekniffen
hat, ziemlich hart.

Sonntag
Silz
und Ploffi sitzen auf der Terrasse
vor einem Krug Himbeersirup. Die Sonne scheint auf die blauweiss
gestreifte
Store.
Es
läutet. Silz geht an die
Tür. Christoph vom Nachbarhaus fragt nach Pneuflicken. Heute
ist Sonntag,
ruft Ploffi von der Terrasse her, heute haben wir frei. Aber Silz ist
nett
und holt ihr Veloflickzeug. Du kennst Dich damit aus? fragt sie.
Selbstverständlich,
sagt Christoph und streckt den Rücken gerade.
Von der
Terrasse aus hören
sie, wie er im Hof hantiert. Die Schlüssel und Reifenheber
klingeln,
wenn er sie auf den Asphalt fallen lässt.
Später
am Abend gehen Silz
und Ploffi aus. Im Hof an der Hauswand lehnt das geflickte Rad.
Ploffi
sieht es zuerst. Sie zeigt
wortlos auf den hinteren Reifen. Leer und plattgedrückt steht
der
graue Pneu da.


Idastrasse
Silz und Ploffi sitzen
in einem
Café an der Idastrasse
und schauen durch die Scheiben. Ein Velofahrer fährt vorbei.
Immer
diese Geschichten, sagt Silz.
Welche
Geschichten? fragt
Ploffi.
Immer diese
Silz-und
Ploffi-Geschichten,
klagt Silz,
es kommt mir einfach nichts mehr in den Sinn. Und weisst Du eigentlich,
was Werbetexte wert sind?
Aber, sagt
Ploffi,
für den
letzten hast Du den teuren
Brooks-Sattel bekommen und für den vorletzten den
Shimano-Wechsel.
Pha, macht Silz,
ein Thema
ist
unbezahlbar. Gib mir lieber
ein Thema!
Ploffi schaut
hinaus. "Ein
Velofahrer fuhr
durch die
Idastrasse, während Silz und Ploffi im Café sassen
und hinausschauten",
sagt sie.
Na und? fragt
Silz.
"Der Velofahrer
fuhr in der
verkehrten
Richtung durch
die Einbahnstrasse", fährt Ploffi weiter.
Stimmt gar
nicht, sagt Silz.
Du wolltest doch
ein Thema,
sagt Ploffi.


Le
joli chapeau rouge
Paris, den 1. Mai 1990
Liebe
Ploffi,
vielen
Dank für den Helm.
Aber es
geht nun doch nicht.
Zweimal
bin ich damit gefahren,
immerhin.
Beim
erstenmal stand einer schon
gleich an der nächsten Kreuzung und schrie begeistert, als er
mich
sah. Er schrie Jeannie Longo, Jeannie Longo und winkte mit beiden
Händen.
Stell dir meinen Schreck vor.
Kurz
darauf lief mir ein kleines
Mädchen beinahe vor die Räder, zeigte auf den Helm
und rief,
regarde maman le joli chapeau rouge.
Beim
zweitenmal (ich war schon
ganz verkrampft) fuhr ich direkt in eine Gruppe Jugendliche hinein.
Einer
sprang vor mein Velo und packte den Lenker, und dabei schlug er sich
mehrmals
auf den eigenen Kopf. Die andern gröhlten dazu, hinter uns
gabs einen
Stau, alles hupte, und einer stieg aus und guckte den Helm an und
lachte.
Also,
es geht einfach nicht. Erinnere
dich daran, wie gern ich in der Masse untertauche!
Sorry, deine Silz
Ein
Paar Tage später kommt
das Paket zurück. Zwischen Plastikchips kommt der noch
nagelneue rote
Helm zum Vorschein. Cyclex, Made in France.


Shakermoon
Silz und Ploffi sitzen
auf rotem
Plüsch im In-Lokal
"Zum Gauman der Welt" und wundern sich wie tadellos kravattiert und
geliert
die jungen Leute an den Nebentischen sitzen.
Zum
Glück ist die
Bedienung nett,
flüstert
Silz in Ploffis Ohr, als der Kellner unaufgefordert Wein nachschenkt.
Im
gleichen Moment hört sie vom Nachbartisch eine
Männerstimme.
Cannondale, sagt
der blonde
Zwanzigjährige, ist
hoffnungslos vorbei. Er fasst zur Bestätigung des
eben Gesagten
nach dem Handgelenk seiner Tischnachbarin; einfach veraltet, sagt er,
bringts
nicht mehr. Jetzt kommt Shakermoon, sagt er in die Runde, ja, ja, das
absolut
Neueste aus Sidney, und während er seine Finger weiterhin um
das Handgelenk
seiner Partnerin geschlossen, auf die Tischgesellschaft einredet,
schiebt
Silz ihr nagelneues Universalwerkzeug über den Tisch, eine
Zugabe
zum eben gekauften Rad. Im gedämpften Licht des Lokals
schimmert der
Schriftzug auf dem schwarzen Schaft, Cannondale.


Feinwäsche
Silz
steht in der Waschküche
und hängt Wäsche auf.
Siiiilz!
hört sie von weitem,
wo bist du?
Sie
macht gerade ein paar nette
Begrüssungsworte bereit, da erreicht Ploffi die
Waschküchentür
und bleibt dort wie erstarrt stehen.
Was!
schreit sie auf, stürzt
an Silz vorbei und reisst ein paar schwarze Velotrainingshosen von der
Leine, die gehören mir! Und mit funkelnden Augen
drückt sie Silz
den feuchten Stoff unter die Nase.
So?
sagt Silz, ich dachte, die
hast du mir auf weiteres ausgeliehen, weil du zum Trainieren keine Zeit
hast?
Wie ich
die gesucht habe! schnaubt
Ploffi, seit mindestens zehn Tagen!
Und die
Sportsocken dort, fragt
Silz, hast die vielleicht auch gesucht? Und das dunkelblaue
T-Shirt?
Und die Leggins da hinten? Hast du mir alles grossspurig zum Gebrauch
überlassen,
sagt sie kühl und geht zur Waschmaschine, um eine weitere
Ladung Feinwäsche
in Gang zu setzen.
Da
drängt Ploffi an die Maschine
und drückt den Temperaturschalter durch, bis die Anzeige auf
95 Grad
steht. Mit tosendem Rauchen beginnt der Waschgang zu laufen.

Nimm
ein Schwarzes
Diese Velofarben, sagt
Ploffi,
Wahnsinn, wie die der Mode
unterworfen sind. Als ich zur Schule ging, hatte der Hanspi Graber ein
giftgrünes Velo, und alle Mädchen standen auf ihn.
Sie schwenkt den
Prospekt vor
Silz'
Gesicht hin und her.
Nimm ein schwarzes, sagt Silz unbeteiligt, das veraltet nicht.
Und als ich etwa
vor zehn
Jahren diesen
Computerkurs
nahm, da passte so einem Typen etwas an meinem alten
Dreigänger nicht.
Warum, fragt
Silz nach einer
Pause, war es
giftgrün?
Nein, sagt Ploffi, aber sein Velo war grau
métallisé, und
jedesmal stellte er meines zur Seite, um seines besser zu parkieren.
Passiert dir
nicht mit einem
schwarzen,
sagt Silz gelangweilt
und dreht den Fernseher an.
Schwarz, sagt
Ploffi
zweifelnd und
blättert im Prospekt,
so ein schönes stabiles Alltagsvelo, die werden geklaut wie
frische
Weggli. Erinnerst du dich an die Eva Maurer von der Heinrichstrasse,
der
ist dreimal, wenn nicht viermal, ein schwarzes Rad...
Nimm ein
schwarzes und dazu
ein Kryptonite
Bügelschloss,
unterbricht Silz und geht in die Küche, um sich ein Glas
Ricard zu
holen.
Ein Schloss,
ruft Ploffi,
weisst du nicht,
dass sie nun
die dicksten Schlösser in Sekunden knacken können,
sie beugt
sich seufzend über den Prospekt, mehrere Schlösser
wären
nötig, und eines kostet, na, ich glaube...
35 Franken das
billigste,
sagt Silz stellt
die Lautstärke
des Fernsehers mit der Fernbedienung höher.
Ach weisst du,
das beste
wäre,
man kauft kein neues
Rad, sondern nimmt ein altes, zerkratztes, wenn möglich ein
braunes,
braune Räder interessieren heute niemanden. Du trinkst Ricard??
Ja, sagt Silz
laut, am besten
behält man das alte,
und sie reguliert die Helligkeit des Bildes mit der Fernbedienung. Ich
möchte aber so gerne ein neues Rad, seufzt Ploffi und nimmt
das Glas,
das Silz abgestellt hat, und am besten gefallen mir... sie trinkt und
stellt
das Glas zurück, das Silz sofort aufnimmt und in der Hand
behält.
Eigentlich weiss ich noch gar nicht, was mir gefällt, ich
wollte einfach
gerne deinen Rat hören, verstehst du?
Nimm ein
schwarzes, sagt Silz.
Findest du nicht
auch, Silz,
fragt Ploffi
nach langem
Schweigen, dass es heute sehr schwierig geworden ist, von jemandem
einen
guten Rat zu bekommen?


Rot
Schon
wieder rot, murrt Silz und
stellt den rechten Fuss auf dem Randstein ab. Ploffi hält
dicht hinter
ihr.
Nun
bricht das Zeitalter des Velos
aus, schreit Ploffi nach vorn.
Toll!
schreit Silz verärgert
durch den Lärm der laufenden Motoren zurück.
Ehrlich,
ruft Ploffi, hab ich letzhin
gelesen. Fidel Castro hats gesagt. Das Velo sei wie die Revolution, es
habe keinen Rückwärtsgang und fahre drum stehts
vorwärts.
Nun
dreht Silz den Kopf zurück
und macht Telleraugen.
Wenn
das Velo ist wie die Revolution,
sagt sie, bleiben uns nur zwei Dinge: Entweder bleiben wir hier und
kaufen
uns ein Auto, oder wir emigrieren nach Kuba.
Aber
Ploffi schreit gestresst:
Grün! und hintereinander flitzen sie über die
Kreuzung.


Die
Fledermaus
Silz
streicht ehrfürchtig
über den matten grauen Rahmen. Mit leuchtenden Augen staunt
sie auf
die schwarzglänzenden Schutzbleche. Zärtlich fahren
ihre Hände
über das gebogene Glas des Halogenscheinwerfers, gleiten dem
Schaltkabel
entlang zum blitzend neuen Wechsel. Auf den Speichen spielen ihre
Finger
wie auf blanken Leiterchen auf und ab, dabei klingelt es leise in die
kühle
Stille.
Ploffi
räuspert sich. Es ist
kalt im Treppenhaus, merkt Silz das nicht? Bald eine Viertelstunde
stehen
sie hier im Entree. Vorsichtig fragt sie: Ist dies nun dieses, wie
heisst
es - ?
Die
Fledermaus! flüstert Silz,
ein ganz spezielles Velo. Nicht so ein gewöhnliches rosarotes
Mountainbike
oder eines dieser langweiligen schwarzen Stadtvelos. Exklusiv! und sie
streichelt den schwarzen gerippten Pneu.
Aber
war das nicht gestern, denkt
Ploffi, dass Peter von einem günstigen Rad mit einem
ausgefallenen
Tiernamen sprach? Und hat nicht die Schwiegermutter von Frau Gerber
dieses
Rad gekauft, kaum war es im Laden? Und die junge Frau mit dem gelben
Schal,
die ich schon mehrmals vor dem Coop dieses Velo abschliessen sah?
Was
würdest du sagen, Silz,
fragt sie schliesslich, wenn ich es mir auch anschaffen würde,
dieses
Wundervelo?


Wir
sehen uns wieder in Lovetch
Schläfst
du schon? fragt Ploffi.
Nein,
sagt Silz leise, warum?
Die
unbekannte Frau im dritten Bett dreht
sich in ihrem
Schlafsack. Das vierte Bett ist leer.
Silz
hat die hautenge Trikotware, die die
Frau darauf
ausgebreitet hat, gleich bei ihrer Ankunft bemerkt.
Radmode,
sagt Ploffi, nur wir fahren noch
Touren in gewöhnlichen
Kleidern. Beim Abendessen sagt Silz: In der Nacht klau ich ihr die
rotgetigerte
Hose. Dann redet sie vielleicht und wir wissen, welche Sprache sie
spricht.
Die
unbekannte Frau seufzt im Schlaf.
Ploffi
fragt leise: Hast du dein Rad
abgeschlossen?
Nein,
flüstert Silz, in einem
sozialistischen Land!
Mach
keine Witze, zischt Ploffi, diese
Jugendherberge
ist voll von Jungyuppies aus dem Westen.
Aber
ich, sagt Silz, bleibe hier und
schlafe.
Zum
Frühstück gibt es
Joghurt und warme Teigtaschen
mit einer Füllung aus einem säuerlichen, etwas
fliessendem Käse.
Zwei Typen am Nebentisch motzen. Die Frau mit den Tigerhosen ist
offenbar
früh weggefahren.
Als
Silz und Ploffi auf den Vorplatz
hinaustreten, ist
Silz' Rad verschwunden.Iiiiiiiihhhhhh! ruft Ploffi, ich sag dir: ich
fahre
allein weiter.
Silz
starrt. Sie stellt ihre
Gepäcktaschen zu Boden.
Sie blickt allen Mauern entlang und in die Höhe und den
Drähten
der Hochspannungsleitung nach. Dann beginnt sie den Rundgang durch die
Zimmer der Herberge und ums Haus und in die Remise. Auf der
gegenüberliegenden
Seite des Kanals, der der Dorfstrasse entlangfliesst, steht das Rad.
Jetzt
rennt Silz. Den Zettel zwischen den
beiden Glockendeckeln
sieht sie sofort. "Wir sehen uns wieder in Lovetch." Daneben ist eine
getigerte
Hose gezeichnet.
Ich
bin ganz sicher, sagt Ploffi, dass wir
in ihrer Anwesenheit
nicht davon gesprochen haben, dass wir nach Lovetch wollen.

Exercice
de style
Silz und Ploffi stehen
an der
Bushaltestelle in der rue
Montmartre und warten auf den 85er.
Stell dir vor,
sagt Silz, bin
ich doch vor
zwei Tagen
mit einem dieser Busse gefahren, die hinten eine offene Plattform
haben,
und da steht so ein komischer Typ mit einem Hut und beginnt gleich
Streit
mit einem andern, weil der ihn scheints dauernd anremple.
Was du nicht
sagst, macht
Ploffi und
schaut Silz sehr
aufmerksam an.
Und was denkst
du fragt Silz,
wo ich ihn
zwei Stunden
später wiedergesehen habe?
Ich denke, sagt
Ploffi
sofort, das war an
der gare Saint-Lazare,
wie er gerade mit einem Bekannten ein Gespräch führte
über
einen fehlenden Knopf an seinem Mantel.
Falsch! ruft
Silz mit
blitzenden Augen,
ich sah ihn auf
einem nagelneuen gelben Rad den Boulevard Haussmannn hinaufradeln, mit
dem grünen Kleber von Velofix am hintern Schutzblech.

Jane
Ashford
Bei
Cannondale haben sie jetzt eine Frau in der Speditionsleitung
Übersee, sagt
Ploffi beim Mittagessen. Silz mag es nicht, wenn Ploffi sie beim
Zeitunglesen
mit beruflichem Kram belästigt und schweigt.
Ploffi
sagt: Sie heisst Jane Ashford und hat persönlich das Schreiben
unterzeichnet,
in dem die Cannondale die Swissrad AG zu einer Betriebsbesichtigung mit
vergünstigten Einkaufsbedingungen einlädt.
Silz
raschelt laut mit der Zeitung und schweigt.
Und
ich, sagt Ploffi sehr deutlich, als erste Sachbearbeiterin im Einkauf,
soll
eines der drei Flugtickets bekommen. Im November.
Hinter
dem Rand der sinkenden Zeitung hervor erscheint Silz' Gesicht.


Wir
fahren in die Welt
Silz ist alles egal.
Heute ist der fünfte Tag der Tour. Seit dem zweiten Tag regnet
es. Die
Leitlinie am Rand der Landstrasse glänzt. Von den
Bäumen bläst der Wind das
wasser schräg über das Feld.
Silz hört, wie
Ploffi auf dem Rad vor ihr sing. Sie kann einzelne Töne
hören, laut und
trotzig gegen die Böen.
Silz denkt an einen
Zug, an ein warm geheiztes Abteil, an Regentropfen auf der anderen
Seite der
Scheibe. Auf der Landstrasse draussen würden sie zwei
Velofahrerinnen sehen.
Sie würde zu Ploffi sagen: Wie die gegen den Wind fahren
müssen. Wie es ihnen
ins Gesicht regnet. Wie die Autos das Wasser an ihren Beinen
hochspritzen.
Aber Ploffi singt.
Wir fahren in die Welt, singt sie jetzt laut und deutlich.
Am Strasserand taucht
eine Ortstafel auf,
Dietlikon, ruft Silz
nach vorn.

